Gedenkveranstaltung vom 14.07.2024 – Teil I Bericht, Texte

Zuallererst möchten wir uns bei allen bedanken, die an diesem Tag ans Dessauer Ufer gekommen sind um mit uns an die Erstbelegung des Lagerhaus G als Frauenaußenlager des KZ Neuengamme zu gedenken. Wir haben uns gefreut, dass ihr an einem Sonntag so zahlreich gekommen und sogar den Sturzregen mit uns überstanden habt.

Da einige von euch uns nach den Texten, Materialien und Fotos gefragt habt, wollen wir untenstehend eine ausführliche Ausgabe unserer Texte veröffentlichen, so dass ihr in Ruhe alles nachlesen könnt.

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Text Gedenkveranstaltung

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Gedenkveranstaltung Lagerhaus G am Dessauer Ufer, 14.07.2024

 Einleitung

Wir begrüßen Sie und Euch ganz herzlich zur heutigen Veranstaltung „Zwangsarbeit im Hamburger Hafen 1943-1945“, bei der wir an die Erstbelegung des Frauenaußenlagers des KZ-Neuengamme am Dessauer Ufer im Juli 1944 erinnern möchten.

Wir sind die Initiative Dessauer Ufer und haben die Veranstaltung mit dem Projekt „Blueprint“ zusammen konzipiert.

Wir möchten zunächst einen historischen Kontext zum Thema mit Berichten von Zeitzeuginnen geben, bevor es dann eine künstlerische Intervention des Projekts „Blueprint“ gibt.

Wir stehen hier vor dem Lagerhaus G, das in den Jahren 1944 und 1945 als Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme genutzt wurde. Die ersten hier inhaftierten Frauen, die im Hafen Zwangsarbeit verrichten mussten, kamen vermutlich Anfang / Mitte Juli 1944 aus Auschwitz-Birkenau nach Hamburg, hier ans Lagerhaus G – also im Juli vor genau 80 Jahren!

Hamburger Hafen als Ort von Zwangsarbeit

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es eine Vielzahl von Lagern im Hamburger Hafengebiet, in denen unterschiedliche Menschen untergebracht waren, die Zwangsarbeit leisten mussten. So auch hier am Lagerhaus G. Zunächst befand sich hier ein Frauenlager. Denn viele der Zwangsarbeitenden waren Frauen.

Frauen waren als Zwangsarbeiterinnen oftmals mehrfach diskriminiert – auf rassistische und sexistische Art. Sexualisierte Gewalt stellte eine permanente Bedrohung dar, sowohl am Arbeitsplatz als auch in den Lagern, durch Lagerleiter, Vorgesetzte oder auch Vorarbeiter. Für die Zwangsarbeiterinnen gab es keine Möglichkeit sich juristisch gegen Übergriffe zur Wehr zu setzen. Wurden ausländische Zwangsarbeiterinnen schwanger, wurden sie anfangs noch in ihre Heimatländer abgeschoben. 1942 wurden dann Entbindungs- und Kinderanstalten eingerichtet, in den grausame Zustände herrschten. Die für deutsche Frauen verschärften Abtreibungsrechte bis hin zur Todesstrafe wurden für ausländische Zwangsarbeiterinnen geändert. Die als „rassisch minderwertig“ geltenden Frauen wurden daher oft zur Abtreibung gezwungen. Sie sollten nur wenige Tage bei der Arbeit ausfallen. Oft kam es zu lebensbedrohlichen Komplikationen.

Später waren hier am Lagerhaus G auch sogenannte „italienische Militärinternierte“ untergebracht.

Im Zweiten Weltkrieg waren NS-Deutschland und das faschistische Italien zunächst Bündnispartner. Am 8. September 1943 trat Italien aus dem Bündnis aus. Die deutsche Wehrmacht nahm daraufhin die italienischen Soldaten und Offiziere gefangen. Mit der Gründung eines faschistischen Teilstaats des gestürzten Diktator Mussolini unter Hitler und der Wehrmacht, wurden die Gefangenen zu „Militärinternierten“ erklärt. So konnten sie trotz des neuen faschistischen Bündnisses und ohne Rücksicht auf das Völkerrecht als Zwangsarbeiter in der Rüstung eingesetzt werden.1

Wir haben an diesem Ort also als Jüdinnen verfolgte Frauen, die aus Auschwitz kamen und sogenannte „italienische Militärinternierte“. Wir möchten daher gerne auf die unterschiedlichen Gruppen von Menschen eingehen, die im Nationalsozialismus Zwangsarbeit leisten mussten.

Historiker*innnen sagen, dass es nicht die typischen Zwangsarbeitenden gab. Schon vor dem Krieg wurde Arbeit als Zwangsmittel von den Nazis eingesetzt. Arbeit wurde zur Ausgrenzung verwendet: Dies betraf vor allem Menschen aus Gruppen, die von den Nazis verfolgt wurden wie deutsche Jüdinnen / Juden, Sinti*zze und Rom*nja oder Menschen, die als sogenannte „Asoziale“ diffamiert wurden.2

Nach Kriegsbeginn und mit Ausweitung des Zwangsarbeitseinsatzes kamen Kriegsgefangene, zivile Zwangsarbeitende oder KZ-Häftlinge innerhalb der Grenzen des deutschen Reiches hinzu. Auch Menschen in den besetzten Gebieten wurden zur Arbeit gezwungen. 3

Als Massen an deutschen Männern als Soldaten in den Krieg zogen, gingen der deutschen Wirtschaft die Arbeitskräfte aus. Ersatz holte der NS- Staat eben aus den besetzten Ländern, zunächst durch Anwerbung, dann durch Verschleppung. 4

Den Höchststand der Zwangsarbeitenden gab es parallel zum Höhepunkt der Rüstungsproduktion im Sommer 1944 – wo wir uns auch gerade gedanklich befinden.

Die Rüstungsproduktion hätte sich ohne den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte nicht aufrechterhalten und ausweiten lassen können. Der 1944 einsetzende umfangreiche Einsatz von KZ-Häftlingen außerhalb der Konzentrationslager stellte die letzte Radikalisierung der Zwangsarbeit dar. Die SS errichtete zahlreiche KZ-Außenlager in der Nähe von Rüstungsbetrieben, wie auch in HH im Hafen der Fall.5

Doch nicht nur in der Rüstung war das der Fall: Ohne die erzwungene Arbeit von Menschen aus über 20 Nationen und von in Deutschland lebenden ausgegrenzten und verfolgten Gruppen hätte die gesamte deutsche Wirtschaft nicht aufrechterhalten werden können. Nach wie vor ist dieser Anteil von unfreier Arbeit bei Betrieben, die teilweise bis heute existieren, nicht präsent. Die Orte von Zwangsarbeit sind meist nicht markiert und daher von außen, ohne Kontext, nicht zu erkennen. Ihre Geschichte ist verdrängt, auch im Stadtbild.

Im September 1944 wurden über 60.000 Zwangsarbeitende in Hamburg gezählt. In manchen Betrieben lag der Anteil der Zwangsarbeitskräfte bei bis zu 70%. Die Menschen waren im Stadtgebiet in den unterschiedlichsten Lagern untergebracht: es gab Barackenlage, aber auch Schulen oder Festsäle in Gaststätten. Ab 1944 entstanden im Hamburger Stadtgebiet 20 Außenlager des KZ-Neuengamme6, unter denen auch das Lagerhaus G ist. In der ganzen Stadt war die Zwangsarbeit sowohl durch die Lager- als auch die Arbeitsorte präsent.

Trotz dieser Vielzahl an Orten, die die Geschichte von Zwangsarbeit bezeugen, sind diese heute meist unsichtbar.

Als Initiative Dessauer Ufer möchten wir das für dies ändern und fordern die Einrichtung eines Gedenk- und Lernortes am Dessauer Ufer.

Lagerhaus G

Die Gruppe von Inhaftierten, die hier vor 80 Jahren ankam, bestand aus 1.000 als Jüdinnen verfolgen Frauen aus Tschechien und Ungarn. Wenig später trafen außerdem 500 ebenfalls als Jüdinnen verfolgte Frauen aus dem Ghetto Litzmannstadt im heutigen Łódź ein.

Das Lagerhaus G wurde vorerst nur bis Mitte September desselben Jahres als Außenlager für Frauen genutzt. Ab diesem Zeitpunkt wurden die hier untergebrachten Frauen in verschiedene Hamburger Außenlager in Wedel, Sasel und Neugraben aufgeteilt, um dort Behelfswohnheime zu errichten. Ihre Zeit in Hamburger Außenlagern endete im Frühjahr 1945, als die SS sie in das KZ Bergen-Belsen brachte. Die Überlebenden wurden im April 1945 von der britischen Armee befreit.

Nachdem die SS die Frauen im September 1944 in andere Außenlager verteilt hatte, wurden 2.000 männliche KZ-Häftlinge ins Lagerhaus G gebracht. Aus Berichten von Überlebenden wissen wir, dass hier auch Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte gefangen gehalten wurden. Durch einen Bombentreffer im Oktober 1944 kamen mindestens 45 namentlich bekannte Häftlinge ums Leben. Die überlebenden KZ-Häftlinge wurden in der Folge in das Außenlager Fuhlsbüttel gebracht, arbeiteten aber weiter in denselben Arbeitskommandos im Hafen. Der zerstörte Teil des Lagerhaus G wurde bis Februar 1945 instandgesetzt und erneut als Außenlager für männliche KZ-Häftlinge genutzt.

Am 14. April 1945 räumte die SS das KZ-Außenlager am Dessauer Ufer. Die Überlebenden wurden am 29. April 1945 im Kriegsgefangenenlager Sandbostel bei Bremervörde von der britischen Armee befreit.

Die Frauen, die heute vor 80 Jahren hier ankamen, wurden nach Hamburg gebracht, um hier im Rahmen des sogenannten Geilenberg-Programms in verschiedenen Betrieben der Hamburger Mineralölindustrie Trümmer zu räumen.

Das sogenannte Geilenberg-Programm war ein geheimer Mineralölsicherungsplan. Es wurde nach dem Schöpfer des Programms Edmund Geilenberg, dem Generalkommissar für die Sofortmaßnahmen beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion benannt.

Es ging darum den drohenden Zusammenbruch der Treibstoffversorgung zu verhindern.

Die Frauen, die aus dem Vernichtungslager Auschwitz hier am Dessauer Ufer ankamen, mussten daher im Zuge dieses Geilenberg-Programmes bei größeren Hamburger Raffinerien wie Rhenania Ossag (Shell), Ebano-Oehler (Esso), J. Schindler oder Jung-Öl, sowie anderen Hafenbetrieben, Aufräumungsarbeiten verrichten.

Zur Ankunft am Lagerhaus G

Als Erstes hören wir ein Grußwort von der Überlebenden Helga Melmed:

Wir möchten nun gerne Berichte von weiteren überlebenden Frauen vorlesen, die ihre Ankunft hier am Lagerhaus G sowie die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Hamburger Hafen beschreiben:

Hédi Fried, 1924 im damals ungarischen Sighet geboren, schreibt ebenfalls von der Ankunft am Dessauer Ufer:

„Der Zug fuhr durch tiefgrünes Land. Es war schön nach der Trostlosigkeit von Auschwitz. Was war es? Wiesen oder Ackerland? (…) Alles war so friedlich, man konnte sich nicht vorstellen, dass um uns herum ein Krieg wütete. Für einen Moment glaubte ich, alles wäre vielleicht nur ein Alptraum gewesen und ich befände mich auf dem Weg zu Tante Reginas Bauernhof. Ein Blick jedoch auf meine Leidensgefährtinnen gab mir die Gewissheit, dass der Alptraum Wirklichkeit war. Die schlafenden Gesichter waren entspannt, aber alle trugen sie die Zeichen der vergangenen Wochen. Abgemagerte Körper, beginnende Falten, kahle Schädel. Nur die Wirklichkeit kann solche Bilder schaffen. […] Wie lange dauerte die Zugfahrt? Auch das erinnere ich nicht. Nur daran, dass wir uns, als ich aufwachte, auf einem großen Bahnhof befanden: Hamburg. Unser Zug fuhr über den Bahnhof hinaus zum Hafen, wo er vor riesigen Lagerhallen anhielt. Das war also das Ziel unserer Reise. Hier würde unser neues Leben beginnen, weit weg vom Schatten des Schornsteins. Die Sonne schien, das Wasser des Flusses glitzerte, als uns befohlen wurde, den Zug zu verlassen und in das Lagerhaus zu gehen, das unser neues Zuhause sein sollte. Wir kamen in eine große Halle mit riesigen Fenstern, die auf die Elbe blickten. Betten waren in zwei Etagen aufgestellt, wir rannten los, um eines zu ergattern. Livi [ihre Schwester] und ich hatten uns gerade auf einer der oberen Etagen niedergelassen, beim Fenster, wegen der Aussicht, als ein SS Mann brüllte, es sei niemandem erlaubt, sein Bett mit jemand anderem zu teilen. So zog Livi in das Bett unter mir, und ich dehnte mich aus, glücklich, wieder zu fühlen, wie es war, allein in seinem eigenen Bett zu sein, auf dem Rücken zu liegen, mit ausgestreckten Armen, sich zu drehen und zu wenden, ohne angeschrien zu werden, doch stillzuliegen. Die letzten Strahlen der Nachmittagssonne erleuchteten das Lagerhaus. Die Reflexe der Wellen zitterten auf den Wänden. Die helle Halle stand in protzigem Kontrast zu unserem finsteren Barackenraum in Auschwitz. Wir waren von der Hölle in den Himmel gekommen. Man gab uns Brot und Kaffee, der nach Kaffee schmeckte. Dann fiel ich in Schlaf und träumte, mit Goldfischen zu spielen […]. Eine Pfeife und der Aufruf zum Appell weckten mich.“ (S. 122 f.)

Trotz der Hoffnungen, die die Frauen mit der Ankunft in Hamburg verbanden, ist nicht zu vergessen, dass sie zur Zwangsarbeit, insbesondere zum Trümmer räumen, hierhergebracht worden waren.

Die 1921 in einer nordböhmischen Kleinstadt geborene Margit Hermann beschreibt die Ankunft in Hamburg:

“Hamburg, diese stolze, reiche Hafenstadt gleicht einer heruntergekommenen Schönen, deren Leib Wunden und Schwären bedecken und deren schmutziger Unterrock auf Schritt und Tritt hervorlugt. Überall sind Lager, Kriegsgefangenen- und Arbeitslager, große und kleine KZs. Ganze Viertel liegen in Schutt und Asche […].Längs der eilig freigeschaufelten Straßen erheben sich hohe Schutthalden, unter denen noch unbegrabene Leichen liegen. Zwischen den Ziegeln und Steinen stecken hie und da kleine Holzkreuze – Wegweiser zu den Toten. […] Die Stadt gibt nicht auf. Nach jedem Fliegerangriff setzen fieberhafte Aufräumungsarbeiten ein. Schutt wird weggeschaufelt, um die Straßen freizulegen. Blindgänger werden entschärft, heile Ziegel aussortiert und beschädigte zermahlen und zu Bausteinen verarbeitet. Was gestern zerstört wurde, wird heute mit Bienenfleiß wieder aufgebaut. Wer tut diese Arbeit? Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus allen Ländern im Machtbereich Hitlers.

Überall kleben Plakate mit der Aufschrift ‘Alle Räder rollen für den Sieg’ und die Flüsterpropaganda ergänzt leise den Slogan mit dem Spruch ‘und viele Köpfe nach dem Krieg’. Die Kinder des versklavten Europas lassen die Räder rollen, wenn auch nicht aus freien Stücken, Jammergestalten aus dem Fuhlsbütteler Zuchthaus, KZ-Häftlinge beiderlei Geschlechts in gestreifter Kluft, schwarzlockige Italiener, mit dem Profil antiker Statuen, in zerrissenen grau-grünen Uniformen, mit der Aufschrift “MI” (Militärinternierte). Es sind ehemalige Truppen des Generals Badoglio, die gegen Mussolini gekämpft haben und deshalb nicht die Rechte von Kriegsgefangenen genießen. Wir begegnen grazilen Franzosen, die uns zuwinken. Manche tragen schwarze Barette, manchen baumeln winzige Quasten an der Mütze. Wir sehen schlaksige Holländer und Vlamen und die Gruppe “OST”, Männer und Frauen im Lumpen, die häufig nicht einmal Schuhe besitzen. Sie schlurfen dahin mit gesenkten Köpfen, die Blöcke zu Boden gerichtet, wie verprügelte Hunde. Die Frauen tragen eingeschlagene Kopftücher, die ihre Stirn bis zu den Augenbrauen verhüllen. Alle verrichten Schwerarbeit, ohne Ruhepause, und sie schweigen beharrlich, als verstünden sie die Aufschrift auf den Plakaten, die an allen Häuserecken kleben.” (Harburger Jahrbuch, S. 176-178)

Auch die Frauen am Dessauer Ufer wurden zur Verrichtung dieser Arbeiten gezwungen. Davon erzählt auch Dagmar Lieblová:

“Zuerst sind wir mit dem Schiff, einer Barkasse, gefahren zu einem […] ausgebombten Betrieb. […] Am ersten Tag haben wir Fässer voll von Teer, die durch die Bomben irgendwie auseinandergerollt waren – überall lagen die – , […] gerollt und sie an einem Ort gestapelt. Das war eine ziemlich schwere Arbeit. […] Wir waren das nicht gewöhnt, wir haben nie solche Arbeit gemacht. Und dann haben wir Eisenstücke aus den Trümmern holen müssen und Maschinen irgendwohin tragen. […] Ein anderes Mal haben wir aus den Trümmern die Steine geholt und abgeklopft. Einmal mussten wir von einem Schiff Ziegelsteine abladen. […] Wir mussten das ganze Schiff leer machen. […] Da wir ohne Handschuhe arbeiteten, hatte ich später ganz wunder Finger von den Ziegeln.” ((zitiert nach: Ellger, S. 161))

Auch Margit Hermannová erinnert sich an den Arbeitseinsatz im Hamburger Hafen:

“Aufstehen mussten wir etwa um vier Uhr früh. Da war es im Sommer noch dunkel. Da wurden wir zum Schiff gebracht, das uns dann zu den Raffinerien brachte, nach Moorburg oder nach Finkenwerder. Und meistens haben wir dann auf dem Schiff weiter geschlafen. Wir lagen dann auf den Planken und schliefen. […] Die ersten Arbeitsstätten waren die großen Raffinerien an der Süderelbe. Dort waren bei einem Fliegerangriff die Tanks mit Teer getroffen worden, und der Teer war ausgeflossen. Und unsere Aufgabe war es, den Teer in Eisenfässer zu schaufeln. […] Später kam ich zu Rhenania. […] Dort haben wir hauptsächlich Aufräumungsarbeiten gemacht […]: Ziegel abgeschlagen, die heilen Ziegel aufgeschichtet. […] Und bei Luftangriffen wurden wir in so ein Wäldchen geführt.”

Die Überlebenden berichten auch von der Solidarität untereinander. So erinnert sich Dagmar Lieblová:

“Ein Franzose hat mir etwas in die Hand gedrückt. Und ich habe dann festgestellt, dass es ein Mantel war. Das war natürlich sehr schön, so einen Mantel zu haben. […] Aber einen normalen Mantel hätte ich sowieso nicht tragen können. Wir haben es dann mit meinen Freundinnen beraten; wir haben alles zusammen gemacht, wir haben alles geteilt. Wenn wir ein Stückchen extra bekommen haben oder gefunden haben, ein Stückchen Essen, haben wir es zusammen gegessen. Und auch über den Mantel haben wir uns beraten. […] Und dann haben wir entschlossen, dass wir ihn umtauschen. […] Unter mir auf dem Bett hat eine Frau geschlafen, die hat […] im Lager gearbeitet. […] Und die hat es dann irgendwie vermittelt, dass wir ihr den Mantel gegeben haben und wir haben dann dafür Brot bekommen. Das war ein ganzer Laib. […] Das war damals ziemlich viel Brot. [….] Und so hatte sich der Mantel für uns alle gelohnt. […] Da wir so viel Brot hatten, habe ich auch ein Stückchen Brot mit jemandem für eine Zahnbürste umgetauscht. […] Wir jungen Mädchen waren immer zusammen. […] Wir waren ungefähr 5 oder 6 Mädchen. […] Wir haben natürlich auch mit anderen Kontakt gehabt. […] Da waren einige, die haben bei der Arbeit etwas Nützliches erzählt wie Inhalte von Büchern oder Opern. Und da haben wir zugehört. […] Und [besonders] haben sich immer zwei unterstützt; ich zum Beispiel mit meiner Freundin. Mit der habe ich immer zusammengehalten.” (bei Ellger, S. 287).

Zum Abschluss möchten wir gerne die Überlebende Dita Kraus selbst zu Wort kommen lassen. Dita Kraus kam als Mädchen mit ihrer Mutter zum Dessauer Ufer. Sie berichtet in dem Audio-Ausschnitt von ihren Erlebnissen hier am Dessauer Ufer.

 

 

 

 

Intervention Blueprint beginnt. Weiter in Beitrag Teil II.

 

1 Siehe Zusammenfassung Dokuzentrum Schöneweide: https://www.ns-zwangsarbeit.de/italienische-militaerinternierte/

2 Ausstellung Dokuzentrum Zwangsarbeit Schöneweide

3 Ebenda Ebenda Frauke Kerstens, S. 31

4 Ausstellung Dokuzentrum Zwangsarbeit Schöneweide

5 Thomas Irmer, S. 36-37.

6 Siehe Doktorarbeit Littmann zu Zwangsarbeit in HH

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